Tag 3: Die will doch nur spielen…

Gegen 14:30 Uhr holt mich Christoph nach oben. Er beobachtet einen Kontakt auf dem AIS, der sich genau so verhält, wie man es als Segler überhaupt nicht haben möchte:

Wir bekommen als CPA, dem Punkt der geringsten Annäherung, Werte unter 100m angezeigt und das schon seit einer Viertelstunde. Als Christoph mich ruft, sind es noch etwas mehr als 5 Minuten, bis es zu einer Kollision kommt – wenn niemand ausweicht. Wir als Segelboot sind laut der international geltenden Kollisionsverhütungsregeln „kurshaltepflichtig“, dürfen also eigentlich nicht ausweichen, der gigantische Frachter „Laetizia Oetker“, der gerade auf uns zuhält ist „ausweichpflichtig“. Wir dürfen erst im „vorletzten Augenblick“ (also gerade noch rechtzeitig, bevor etwas passiert) reagieren und selbst ausweichen.

Sehen die uns nicht? Das kann doch fast nicht sein. Bislang hat jedes andere Schiff, dem wir begegnet sind immer einen größeren Abstand gehabt – oder zumindest hat irgendwann der Abstand zugenommen, weil es seinen Kurs geändert hat und hinter uns durch gegangen ist. Das tut es aber hier nicht.

Also setze ich mich wieder mal ans Funkgerät. Im Gegensatz zur Begegnung mit der Bob Barker wollen wir dieses Mal nicht, dass die so dicht (zeitweise 70m) an uns vorbei- oder gar auf uns drauf fahren.

Mit angespannter Stimme rufe ich den Frachter über Funk:

„Laetizia Oetker, Laetizia Oetker, this is Sailing Vessel Sabir“

Sofort bekomme ich Antwort über Funk. Eine fröhliche Stimme antwortet:

„Sabir, this is Laetizia Oetker. Don’t worry, we see you.
We will change course to starboard.“
(Sabir, hier ist Laetizia Oetker. Keine Angst, wir sehen Euch.
Wir werden unseren Kurs nach Steuerbord ändern)

Ok? Aber wieso erst, wenn ich Euch anfunke? Zumindest ist nun die Anspannung weg. Die Fröhlichkeit der Laetizia steckt mich an und ich antworte ähnlich fröhlich:

„Laetizia Oetker, roger, you change your course to starboard. Thank you sir!“
(Laetizia Oetker, verstanden, Sie ändern Ihren Kurs nach Steuerbord. Danke schön!)

Hier seht Ihr mal, wie es aussieht, wenn so ein Frachter direkt auf einen zuhält. Die Bilder sind zu dem Zeitpunkt entstanden, an dem der Frachter gerade seinen Kurs ändert:

Aber das war noch nicht alles. Als der Frachter in relativ geringem, aber ausreichendem Abstand an uns vorbei geht, ruft uns der Wachhabende noch einmal. Er sagt mir, dass er uns auf dem AIS entdeckt habe und einfach mal schauen wollte, welche Segelyacht bei den Bedingungen da draußen auf dem Atlantik unterwegs sei. Er wollte uns seinen Respekt aussprechen, dass wir bei dem Wind und bei der Welle hier segelnd unterwegs seien.

Immer wieder verschwindet der Frachter hinter einem Wellenberg…
…so dass wir nur noch die Aufbauten sehen können

Na das ist ja mal drollig. Der hat tatsächlich direkt auf uns zugehalten, um uns anzugucken. Das ist doch, wie wenn der Besitzer der großen Dogge, die auf einen zuläuft und einem direkt ins Gesicht schaut, sagt: „Die will doch nur spielen…“

Auf dem AIS sehe ich, dass die „Laetizia Oetker“ auf dem Weg nach Bremen ist. Ich wünsche dem Wachhabenden über Funk noch eine ruhige Wache und eine gute Fahrt nach Bremen. Er erwidert unsere Grüße und wünscht uns ein gutes Ankommen auf Porto Santo.

Christoph, Claudia und ich lachen uns halb tot über die Situation. So etwas haben wir bis jetzt noch nicht erlebt, geschweige denn hätten wir von anderen Seglern gehört, dass ihnen ähnliches passiert wäre. Wir überlegen, was so ein Frachter wohl gebunkert hat: Vanille- oder Schokoladen-Pudding-Pulver? Kakao-Bohnen?

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