Wo der Horizont den Himmel küsst

Meine zwei Segeljungs haben ja die Tage und Erlebnisse vor und während der Überfahrt beschrieben. Heute versuche ich mal meine Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen:

Jetzt gibt es also kein Zurück mehr, es liegen knapp 500 sm vor uns und eine meiner größten Sorge war, wie es sich wohl anfühlen wird, kein Land mehr sehen. Die ersten zwei Stunden habe ich immer wieder einen Blick zurück geworfen um mich zu vergewissern, dass noch Land zu sehen ist. Irgendwann war dann auch der kleinste Zipfel vom Horizont verschluckt. Jetzt war also der Zeitpunkt, wo rund um uns nur noch Wasser, Wellen, Wind und Wolken waren. Egal wohin mein Blick ging, er endete dort, wo der Horizont den Himmel küsst. Und was soll ich sagen, so schlimm war es gar nicht, was mir aber gleichzeitig klar wurde: Nun wird es auch keine Umkehr mehr geben und die Möglichkeit mal kurz rechts ranzufahren und auszusteigen gibt es auch nicht.

Die letzten Wochen habe ich mich gedanklich immer wieder sehr damit auseinandergesetzt, ob ich es mir zutraue, die Fahrt nach Porto Santo mitzumachen. Nach der Ankunft wurde ich oft gefragt, was mich nun doch dazu bewegt hat, bei der Überfahrt dabei zu sein. Ich habe keine Antwort dafür. Die Entscheidung dafür ist gewachsen und gereift. Oft hatte ich das Gefühl neben mir zu stehen und es als Außenstehende zu betrachten – konnte ich mir doch gar nicht vorstellen was da genau auf mich zukommt.

Die letzten Monate an der Algarve haben dazu beigetragen mir mehr Sicherheit und Vertrauen zu Sabir zu geben. Die Abläufe wurden mit jedem mal An- und Ablegen, mit jedem Segel setzen und bergen, bei jedem Ankermanöver sicherer. Den Gesang vom Wind in den Wanten zu hören, den Tanz von Sabir beim Segeln, im Hafen oder am Anker zu spüren. Die Sprache und die Bewegungen unserer Sabir, bei Tag und bei Nacht, kennenzulernen. Mit Peter „zu zweit alleine“ unterwegs zu sein und ein Teil von Sabir zu werden. All das machte mich sicherer und vor allem auch gespannt darauf, wie es sein wird, längere Zeit unterwegs zu sein. Immer wieder auch die Geschichten der anderen Segler zu hören, die mich natürlich auch neugierig gemacht haben. Zwar bin ich oft noch aufgeregt, aber je öfter etwas gut läuft, umso mehr Sicherheit gewinne ich zu Sabir und vor allem auch zu mir. Sabir weiß ja wie sie sich verhalten und bewegen muss. Sie kann alles. Ich bin diejenige die noch viel lernen muss um Sabir geben zu können was sie braucht, dass sie uns sicher von hier nach dort bringt.

Die letzten Tage vor der Abfahrt waren ausgefüllt mit Arbeit. Da war kaum Raum und Zeit sich groß Gedanken zu machen. Nur manchmal, für den Bruchteil einer Sekunde überkommt es mich und ich habe Angst vor meiner eigenen Courage und bin aber gleichzeitig auch sehr gespannt und aufgeregt.

Mir wurde die letzten Tage aber auch klar: Ich fühle mich mit und bei meinen zwei Segeljungs super wohl und gut aufgehoben. Peter und Christoph verstehen sich ohne große Absprache. Jeder weiß genau was zu tun ist. Zudem haben mir die beiden schon lange vorher zugesagt, dass sie mich notfalls aus dem Wachplan nehmen würden und ich „einfach nur Passagier sein darf“, falls es mir – warum auch immer – zu viel werden sollte. Das alles gibt mir ein sehr gutes und sicheres Gefühl. Die Vorfreude stieg die letzten Tage vor der Abfahrt und ich freue mich sehr auf das größte Abenteuer meines Lebens, das vor wenigen Stunden begonnen hat.

Die ersten zwei Stunden gehen noch Nachrichten und Bilder mit den Lieben daheim hin und her. Irgendwann ist auch diese Verbindung zur Außenwelt abgebrochen. Jetzt bleibt nur noch das Satellitentelefon für den Notfall und der Funk. Wie wird es sich anfühlen keinen Kontakt mehr zu haben, keine Nachrichten mehr zu bekommen und auch nicht mehr mitzubekommen was in der Welt so passiert. Die einzige Nachricht wird von Stefan kommen, der uns die Wettervorhersage auf das Satellitentelefon schickt.

Noch bevor wir die Segel gesetzt haben, hält Peter eine berührende Ansprache und wir huldigen Neptun mit einem großzügigen Schluck vom hochprozentigen Whiskey, die Crew benetzt sich die Lippen. Ich bin positiv angespannt und voller Adrenalin.

Vor Beginn meiner ersten Wache hat mir Peter nochmal erklärt, was alle 20 Minuten meine Aufgabe während der Wache sein wird. Da ich nicht der Technikfreak bin, hat  mich das im ersten Moment ganz schön gestresst. Vermutlich war ich doch mehr angespannt, als ich es mir eingestehen, bzw. zugeben wollte. Nach kurzer Zeit fühlte ich mich dann aber routiniert im Bedienen der Geräte und habe während meiner Wachen alle 20 Minuten den Check mit Rundumblick und den stündlichen Logbucheintrag durchgeführt.  

Vor der Überfahrt habe ich mir vorgenommen, falls während einer Wache oder auch sonst mal Langeweile aufkommen sollte, ein Buch zu lesen, meine Englischkenntnisse aufzufrischen, bzw. wieder ein bisschen französisch zu lernen. Nichts von alledem habe ich getan. Um genau zu sein: Gar nichts habe ich getan. Die einzige Aufgabe außerhalb der Wache war: Sitzen und schauen. Wenn man müde ist: Schlafen. Wenn man Hunger hat: Essen. Apropos schlafen, irgendwann war ich nur noch müde und habe jede freie Minute genutzt um zu schlafen. Einmal am Ende meiner Wache war ich zu müde um mich auszuziehen und bequem hinzulegen und bin im Sitzen auf der Salonbank eingeschlafen. Der Moment, wenn man weiß, jetzt sind es nur noch wenige Seemeilen bis zum Ziel, ließ mich jedoch nicht mehr zur Ruhe kommen. Der Müdigkeit folgt eine Euphorie, mein Körper schien wieder voller Adrenalin und es kam mir vor, als könnten wir noch ewig weiter segeln, als bräuchte ich keinen Schlaf mehr…

Zu sitzen und zu schauen war das schönste. Den Horizont zu beobachten, wie er sich im auf und ab, wenn Sabir über die Wellen gleitet, mitbewegt. Die Wellen zu beobachten und auf den Moment zu warten, wenn sich die Welle bricht und es unter der weißen Schaumkrone für einen kurzen, kaum wahrnehmbaren Moment, türkis hervorblitzt. Dieses Türkis welches der Farbe von Gletschereis gleicht. Dem Rauschen des Meeres zu lauschen. Die verschiedenen Farben – je nach Sonneneinstrahlung – des Atlantiks zu sehen. Irgendwann hat man keine Gedanken mehr im Kopf und man kann einfach nur sein. Jemand der es nicht selbst erlebt hat, kann es vermutlich nicht nachvollziehen und denkt möglicherweise wie langweilig das doch sein muss.

Bald war es dann auch soweit und meine erste Nachtwache war da. Da fühlt sich alles nochmal anders an. Geräuschkulisse und Wellen sind nachts mitunter „bedrohlicher“ als tagsüber. Hinzu kommt: Tagsüber waren meine Segeljungs noch wach und ich wusste die beiden schauen auf jeden Fall mit. Jetzt aber, wenn die beiden schlafen, habe ich die Verantwortung und muss im richtigen Augenblick entscheiden, wann ich Peter wecke, falls etwas ungewöhnlich ist. Es war für mich tatsächlich auch ein sehr großer Vertrauensbeweis, dass die beiden die Verantwortung in meine Hände gegeben und sich zum Schlafen gelegt haben. 

Während der Nacht kann man, nachdem man alle 20 Minuten seine zu erledigenden Aufgaben gemacht hat, auch nur sitzen und in den Himmel schauen: Die unzähligen Sterne anschauen und den Mond beobachten, wie er sich mit den Bewegungen von Sabir hin- und herwiegt. Jedoch: Nach zwei Nächten, döse ich auch während dieser 20 Minuten immer wieder ein bisschen ein. Da lockt mich auch ein noch so schöner Sternenhimmel nicht mehr um wach zu bleiben, bzw. ich habe einfach keine Kraft mehr.

Oft habe ich von anderen gehört, „gutes Essen ist das Wichtigste bei einer Überfahrt, Claudia.“ Dieser Herausforderung habe ich mich gestellt, wollte ich doch meine Segeljungs auch mit gutem Essen bei Laune halten.  Wir hatten vor der Abfahrt überlegt, was wir kochen wollen. Im Hinterkopf auch immer der Gedanke, es könnte sehr überraschend mal frischen Fisch geben.

Für das Frühstück hat sich schnell herausgestellt, dass es am einfachsten ist abends ein Müsli vorzubereiten. Derjenige, der bei Sonnenaufgang Wache hatte, hat den Kaffee zubereitet, so konnten wir kurz zusammen frühstücken.

Die Zubereitung der Mahlzeiten erforderten unter den Bedingungen die wir hatten, oftmals besonderes Geschick. Die Zutaten und Kochutensilien konnten nicht alle vorab bereit gelegt werden, sondern mussten so aus den Schränken und Schubladen geholt werden, wie sie gebraucht wurden. Zu groß war die Gefahr, dass bei der nächsten Welle, die Sabir nach unten surft und sie auf die Seite legt, alles einmal quer durch das Schiff fliegt. Außerdem muss man sich selbst gut festhalten – fühlt es sich unter Deck doch oftmals an, als würde man über eine Buckelpiste oder Kopfsteinpflaster, auf der 30 erlaubt ist mit Tempo 100 rasen.

Der Herd, der kardanisch aufgehängt ist, bewegt sich nicht mit den Bewegungen des Schiffes mit. Das hat zum einen den Vorteil, dass der Herd das Objekt ist, auf welchem alles stehen bleiben sollte. Zudem kann man die Töpfe und Pfannen darauf noch mit Schlingerleisten rechts und links befestigen. Dennoch muss man sehr vorsichtig sein, dass einem nicht doch ein Topf mit kochend heißem Inhalt entgegen springt… Da wir an Bord mit Gas kochen, entsteht durch das „offene Feuer“ sehr schnell eine große Hitze unter Deck und man hat das Gefühl eher in einer Sauna zu sein, als auf dem offenen Atlantik.

Dennoch ist es mir immer irgendwie gelungen eine warme Mahlzeit zu zaubern.

Oft wurde ich nach der Überfahrt gefragt, wie es denn war. Ich konnte es lange nicht in Worte fassen, auch jetzt beim Schreiben ist mir wieder aufgefallen, wie schwer es mir fällt das Erlebte zu beschreiben. Ich kann es immer noch nicht. Da draußen auf dem weiten Atlantik zu sein, sich auf einem Segelschiff den Kräften der Natur, den Wellen, dem Wind zu stellen und als einzige Aufgabe, als einziges Ziel zu haben, Mensch und Schiff sicher ans Ziel zu bringen… ich kann es nicht in Worte fassen… aber: es macht ehrfürchtig und demütig.

Es gab auch Momente, an denen ich an meine persönlichen Grenzen gekommen bin. Diese Erfahrung macht in dem Moment Unbehagen, im Nachhinein ließ es mich wachsen und stark fühlen. Für mich war die wichtigste Erfahrung, noch mehr Vertrauen zu Sabir gefunden zu haben. Ich kann inzwischen noch besser einschätzen, wie sie reagiert und weiß, wie sie sich in ihrem Element, dem Wasser, auch bei extremeren Bedingungen bewegt.

So lange wir sie gut behandeln und nicht leichtsinnig werden, wird sie uns immer gut beschützen und uns sicher von hier nach da bringen. Ich bin froh, dass ich den Mut hatte, mich diesem Abenteuer gestellt zu haben. Als nach 89 Stunden der Anker vor dem Strand von Porto Santo gefallen ist, war ich auch ein klein bisschen stolz auf mich.

5 Antworten auf „Wo der Horizont den Himmel küsst“

    1. Auch ich lese Claudias Beitrag immer wieder gerne, weil ich ihn so schön geschrieben finde – und ich war dabei…
      Du weißt, dass wir Dich auch gerne mal „in Echt“ mitnehmen!?

    2. Vielen lieben Dank Oli,
      es hat mir sehr viel Spaß gemacht die Gefühle, die ich hatte, in Worte zu fassen.
      Ich finde immer noch keine einfache und würdige Antwort darauf, wenn mich jemand fragt wie die Überfahrt gewesen ist. Oft kann ich es gar nicht glauben, dass ich es tatsächlich getan habe.
      Lieben Dank fürs Lesen und Kommentieren.

  1. Ein sehr schöner mitreisender Bericht von Claudia. Man ist in Gedanken mit etwas Fantasie und Vorstellungsgabe fast selbst dabei. Deine Deutschlehrerin wäre sehr stolz auf dich und deine Blogs. Ich freu mich für euch, dass ihr die Überfahrt so gut mit Sabir geschafft habt. Danke für die schöne gedankliche Mitnahme auf eurer Überfahrt.

    1. Vielen lieben Dank Helga und Rainer,
      es macht uns große Freude die Beiträge zu schreiben und Euch wenigstens gedanklich daran teilhaben lassen zu können.
      Danke fürs Lesen und Kommentieren.

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