Garajonay und Kaktussuppe

Nachdem die Fähre aus Los Christianos angekommen ist, sind wir uns sicher, dass das Büro der Autovermietung am Hafen geöffnet ist. Den ankommenden Reisenden werden jetzt ihre Mietautos übergeben. Wir bekommen sehr unkompliziert einen Kleinwagen für drei Tage und können gegen elf Uhr zu unserem ersten Tag Inselerkundung starten.

Das Wetter ist heute großartig: Wir haben einen strahlend blauen und wolkenlosen Himmel und können vom Hafen aus in Richtung Mitte der Insel auf die Berge schauen. Wir fahren auf der südlicheren der beiden großen Inselstraßen, der GM-2, die in die Mitte der Insel und auf die Berge führt. Der Plan ist zunächst an jedem Mirador anzuhalten und den Ausblick auf die Insel zu genießen.

Wir müssen ein bisschen langsam machen, da mit uns auch die Touristen-Busse gestartet sind und sich diese an den Aussichtspunkten „stauen“. Darum nehmen wir uns bei unserem ersten Halt viel Zeit. Wir staunen über das Grün, das sich hier auf der Insel zeigt und fotografieren jede Blüte, die uns vor die Linse kommt.

Als ich vor 10 Jahren das erste Mal hier auf der Insel war, war dies im November. Die Vegetation hatte sich von den Sommermonaten noch nicht erholt und es war (außer in den Nebelwäldern und unten in den Tälern) kaum frisches Grün zu sehen. Wir sind begeistert, wie fruchtbar die Insel jetzt erscheint. Wir stehen in einem Bergfrühling, wie wir ihn aus den Alpen kennen. Bienen summen, die Luft ist frisch und klar und die Sonne wärmt angenehm.

Langsam erreichen wir den Parkplatz „El Contadero“, von dem aus man eine kurze Wanderung auf den „Garajonay“, den höchsten Berg der Insel, machen kann. Der Berg und der ihn umgebende Nationalpark haben ihren Namen von einer Legende der Guanchen, der Ureinwohner La Gomeras. Die Prinzessin Gara und der arme Bauernjunge Jonay von Teneriffa sollen sich hier oben in den Bergen das Leben genommen haben. Ihre Liebe und Heirat wurde von der Familie der Prinzessin verboten und so sahen die beiden keinen anderen Ausweg mehr, als vereint in den Tod zu gehen (siehe Wikipedia).

Wir folgen einem gepflasterten Weg bis knapp unter den Gipfel und laufen den Rest durch Lorbeerwälder und Heidekraut. Der Weg ist gesäumt von der Gänsedistel, die aussieht wie ein baumartiger Löwenzahn. Immer wieder erhaschen wir einen Blick auf die Nachbarinsel Teneriffa und den Teide. Der schöne Berg weitet seinen Bann bis hierher aus und so ist sein Gipfel, der heute über den Wolken zu schweben scheint, auf vielen unserer Bilder zu sehen.

Auf dem Gipfel angekommen setzen wir uns zu den anderen Wanderern, die bereits vor uns angekommen sind. Trotz der vielen Menschen herrscht eine ehrfürchtige Stille. Alle bestaunen die Landschaft und den Blick auf die drei Nachbarinseln Teneriffa, La Palma und (fast komplett in Wolken gehüllt) El Hiero. Wir essen unser mitgebrachtes Obst und Nüsse.

Irgendwann ist es leider vorbei mit der Ruhe: Es kommen neue Wanderer hinzu, welche die angenehme Ruhe mit lautem Gerede und dem lautstarken Kommentieren aller ihrer Handlungen stören. Wir verlassen den Gipfel und gehen außen herum über den gepflasterten Weg zurück zu unserem Auto.

Wieder bin ich überrascht, wie sich die Landschaft hier in den vergangenen Jahren verändert hat. Im Sommer 2012 wurde La Gomera von verheerenden Waldbränden heimgesucht, welche hier oben im Nationalpark viele der Lorbeerwälder vernichtet hatten. Als ich im November 2012 hier war, standen auf dem Garajonay an vielen Stellen nur noch die verkohlten Reste der Lorbeerbäume. Es gab kaum frisches Grün. Heute hat sich die Natur ihren Platz wieder zurückerobert und die damals kahlen Hänge sind wieder dicht mit Büschen und Bäumen bedeckt und auch hier sehen wir überall schöne Blüten.

Am Auto angekommen überlegen wir kurz, was wir mit dem Rest des Tages machen wollen. Wir können in eines der anderen Täler (das Tal um Hermigua oder das Tal um Vallehermoso) fahren – oder aber an einen Ort, an den ich sehr starke Erinnerungen habe: Dorthin, wo ich 2012 Ernesto den Eremiten kennengelernt habe. 

Ernst – ein Österreicher – hatte sich vor etlichen Jahren hier auf La Gomera auf einer halb verfallenen und abgeschiedenen Finca niedergelassen. Er lebte dort ohne eigenem Auto ein relativ einfaches Leben. Er hatte nur ein einfaches Handy, mit dem er sich regelmäßig bei seinen Freunden meldete und/oder um Bescheid zu geben, wenn ihn jemand abholen und zum Einfkaufen mitnehmen sollte. Kennengelernt habe ich ihn damals über das Geocachen, denn im steinernen Backofen neben seinem Häuschen war der Cache „Ernesto el Eremito“ versteckt. Dieser brachte ihm in der Saison regelmäßig Geocacher als Besucher vorbei, die er gerne mit selbst angesetzten Likören und selbst gekochtem Essen (er war in seinem früheren Leben Koch) verwöhnte. Auch ich bin damals bei ihm hängen geblieben, habe dort Kaktussuppe, ein leckeres Lammragout mit Spätzle und einem Nachtisch (ich glaube, es war ein Tiramisu) gegessen und viel Rotwein und Likör (Medicus) getrunken. Mich hat es damals sehr beeindruckt, dass er sein früheres (Arbeits-)Leben zu Gunsten eines sehr viel einfacheren Lebens aufgegeben hat und sich hier auf der Insel niedergelassen hat. Es hat mir gefallen zu sehen, wie wenig man doch zum Leben braucht und dass die meisten Dinge, die ich in meinem Wohlstand angehäuft habe zum Leben gar nicht notwendig sind. Als ich damals gegangen bin, wusste ich, dass ich beim nächsten Besuch auf La Gomera mit einer Spätzlespresse im Gepäck wieder bei Ernst vorbeigehen würde. Leider ist Ernst kurz nach dem Besuch im Januar 2013 gestorben.

Die Geochacherinnen, die ihm den Cache in den Backofen gelegt hatten, haben als Erinnerung an Ernst einen weiteren Geocache namens „Kaktussuppe“ ausgelegt, der ganz in der Nähe seines ehemaligen Hauses zu finden ist.

In einer knappen halben Stunden fahren wir aus den Bergen in Richtung Südwesten der Insel in Richtung Alajero. Weit vor Alajero biegen wir ab und fahren über eine schmale und serpentinenreiche Straße den Berg hinunter. Die Straße wird immer schlechter, Geröll liegt auf dem Asphalt und es gibt immer mehr Schlaglöcher. Ich erinnere mich, dass die Straße abenteuerlich war und fahre mutig weiter. Irgendwann möchte ich den Stoßdämpfern und dem Unterboden unseres Mietwagens den Zustand der Straße nicht mehr zumuten. Wir steigen aus und laufen die letzten ca. 500 Meter bis zum Cache. Wir kommen an einer Stelle vorbei, wo ein slowenisches Wohnmobil geparkt ist – man hätte also doch noch weiter fahren können – egal, die Bewegung tut gut.

Wir kommen an der Stelle an, wo sich der Cache befinden soll und finden eine Gedenktafel für Ernst, die seine Freunde hier angebracht haben.

Ich klettere ein bisschen zwischen den Steinen und den Felsen herum und finde letztendlich die Dose. Mit dem Cache in der Hand kehre ich zu Claudia zurück, um uns beide in das Logbuch einzutragen, da kommt uns ein großer gelber Hund und ein Mann mit Handy am Ohr entgegen. Wir hören, wie er seinem Anrufer sagt: „…Du, ich muss Schluss machen,…“ und freundlich auf uns zukommt.

„Habt Ihr in gefunden?“

„Ja haben wir. Hallo, wer bist Du? Hast Du Ernst gekannt?“

Wir lernen so Günther kennen, einen Freund von Ernst, der inzwischen in Ernsts altem Häusschen wohnt.

Ich erzähle ihm, wie ich damals Ernst kennengelernt habe und welchen Eindruck er in mir hinterlassen hat. Günther lädt uns kurzerhand zu sich nach Hause auf einen Kaffee ein. Wir nehmen die Einladung gerne an und so sitze ich nach 10 Jahren erneut in der Finca und Claudia und ich genießen Günthers Gastfreundschaft. Wir unterhalten uns lange. Wir erzählen von uns und unserer Reise, Günther erzählt von sich.

Irgendwann wird es leider Zeit zu gehen. Wir sprechen Günther eine „Gegeneinladung“ aus: Wenn wir im Valle Gran Rey vor Anker sind, soll er uns auf Sabir besuchen kommen. Günther bietet uns an uns zu einer gmeinsamen Wanderung mitzunehmen. Wir verabschieden uns und gehen wieder zurück zu unserem Mietauto und fahren zurück in Richtung San Sebastian.

Wir halten am „Miradouro de Los Roques“ und werfen noch einmal einen Blick auf den „Roque de Agando“, einen ehemaligen Vulkanschlot von beeindruckenden Ausmaßen.

Wir sind beide ganz geflasht von dem Erlebnis mit Günther, von den Geschichten und von der Landschaft La Gomeras.

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