Zuhause

Die ersten Tage in good cold Germany sind geprägt von der Sehnsucht nach dem Leben in Freiheit, nach der Sehnsucht zum Meer. Es scheint als würde die Seele noch auf Porto Santo festhängen, bestenfalls schon unterwegs sein. Es fühlt sich an wie jene Wahrheit, deren Erkenntnis nomadischen Indianern zugeschrieben wird: „Wenn du an einen neuen Ort gelangst, warte. Es braucht Zeit, bis die Seele nachkommt.“

Noch kurioser wird das Ganze, als wir beim ersten Einkauf die Regale voll mit Weihnachtsleckereien sehen: Vom Hochsommer in die vorweihnachtliche Zeit katapultiert.

Immer wieder blitzen Gedankensplitter von dem auf, was wir erlebt haben. Delfine, die mit Sabir auf dem Weg nach Madeira gespielt haben, nette Gespräche mit Stegnachbarn, eine enorme Hilfsbereitschaft untereinander, fremde Menschen die bei uns im Cockpit saßen, mit denen wir einen kommunikativen und schönen Abend erlebt haben. Spaziergänge an einem menschenleeren Strand. Traumhafte Sonnenuntergänge, Landschaften die von der auf- oder untergehenden Sonne in ein besonderes Licht verzaubert wurden.

Leider bemerke ich auch, wie schnell ich wieder im Alltag stecke und die Gedanken, so schnell sie da sind auch wieder verfliegen, da die Konzentration für im Moment wichtigeres benötigt wird. 

Anders ist es wenn Peter und ich gemeinsam Zeit verbringen oder wenn wir telefonieren. Es wird viel über Erlebtes gesprochen und dann sind die Erinnerungen wieder ganz nah.

Schon seit langem lesen wir uns gegenseitig Bücher von Seglern vor, sei es Laura Dekker, diese tapfere junge Frau, die gegen die Korruptheit in ihrem Heimatland gekämpft hat und in ihren jungen Jahren mit der moralischen Unterstützung ihrer Eltern alleine um die Welt gesegelt ist. Bücher von Sönke Roever und seiner Frau Judith oder Dirk Mennewisch. Immer wieder ist es schön all diese Geschichten zu hören. Das sind die Momente, wo wir uns vom grauen, tristen Alltag wegträumen können und für kurze Zeit in eine andere Welt eintauchen.

Peter verfolgt schon lange Blogs von Seglern aus aller Welt. Inzwischen habe auch ich große Freude Berichte von Seglern zu lesen. Jedoch verfolge ich lieber diejenigen, die wir auf Porto Santo kennengelernt haben. Fühlt es sich doch für mich sehr viel spannender an, wenn ich weiß, wer die Berichte geschrieben hat. Da ist Ralf mit seiner Havlys, Wiebke und Ralf mit Flora, Sandrine und Jean Mari mit Topoïs, Ricarda und Stefan mit Lady Charlyette, Anett und Peter, die mit Annamera unterwegs sind. Die Einhandsegler Martin, Alex, Steven oder Thibault, die wir kennengelernt haben, haben keine Blogs.

Oft überlegen wir, ob sie schon von Porto Santo abgefahren sind, welches Ziel sie wohl haben und ob sich unsere Wege irgendwann irgendwo nochmal kreuzen. Mit Andrea stehen wir noch in Kontakt und bekommen regelmäßig Nachrichten aus dem Paradies.

Anfang Oktober erleben wir eine sehr aufregende Zeit. Der Sturm „Lorenzo“ wird angekündigt der mit seiner Naturgewalt in Portugal das Schlimmste befürchten lässt.

Aus den Medien ist zu erfahren, dass der Hurrikan „Lorenzo“ über den Azoren gewütet und dort erhebliche Schäden angerichtet habe. Es gab heftige Regenfälle. Orkanböen haben Bäume entwurzelt und Strommasten umgerissen. Es habe anscheinend Wellen von gut 20 Metern Höhe gegeben. Betroffen waren vor allem die westlichen Inseln. Immer wieder ist auch zu hören, dass es sehr ungewöhnlich sei, dass solche Stürme so weit im Osten des Atlantiks auftauchen.

Und da fragen oder leugnen viele noch immer, dass es einen Klimawandel gibt…?

Der Sturm Lorenzo wird von Peter täglich über die Wetter-App verfolgt und auch Andrea hält uns auf dem Laufenden. Die Auswirkungen – hohe Wellen – bekommt auch der Hafen von Porto Santo zu spüren. Der Hauptsteg, an dem Sabir liegt, bricht an der Stelle wo das Nachbarschiff festgemacht ist wegen des starken Schwells. Den Seglern und Schiffen dort ist zum Glück nichts passiert. Danke an alle dort vor Ort, die auf unsere alte Dame gut aufgepasst haben!

Peter plant Ende Oktober nochmal zu Sabir zu gehen um sie winterfest zu machen. Ich kann dieses Mal leider nicht mitkommen, da ich keine Urlaubstage mehr habe. Unbezahlter Urlaub ist nicht möglich. Außerdem muss ich mit meinem Budget gut haushalten, da ich inzwischen grünes Licht habe, dass mich mein Arbeitgeber für nächstes Jahr von April bis Oktober beurlaubt um dann, wie geplant, diese Zeit im Mittelmeer auf Sabir zu verbringen.

Nun es heißt es zu überlegen was in der Zeit bis April alles getan werden muss. Kranken- und Rentenversicherung anrufen und Informationen einholen. Große Firmen in der Umgebung anrufen, ob Interesse für eine möblierte Wohnung für diese Zeit besteht. Gleichzeitig wird meine Wohnung vom Wohlstandsmüll entrümpelt… Wahnsinn was sich im Lauf der Jahre doch so alles ansammelt, dabei dachte ich, ich lebe minimalistisch. Es bestätigt sich mal wieder: alles was in den Keller wandert, kann gleich entsorgt werden.

Ansonsten treffe ich mich mit Freunden, frische meine Englischkenntnisse auf, lerne das Funkalphabet und rede mir das Leben hier schön.

Um das Funkalphabet abzufragen hat Peter immer wieder sehr spezielle Ideen auf Lager. So kann es passieren, dass er beim Essen im Restaurant meinen Wissensstand prüft und ich dann Wörter wie Bruschetta, Pizza Vegetariana, Tiramisu und ähnliches buchstabieren soll: „Bruschetta, Bruschetta, Bruschetta, i repeat and spell…“

Wir sind, wann immer es geht draußen. Vor allem an den Orten wo die Möglichkeit besteht, am Wasser zu sein, noch besser natürlich wenn auch noch Schiffe zu sehen sind, wie z. B. an einem schönen Herbsttag in der Nähe der Schleuse in Poppenweiler (ja, das heißt wirklich so).

Die Tage in Deutschland werden kürzer und die ungemütliche, kalte Jahreszeit beginnt. Wir sehnen die Zeit ab April herbei und freuen uns sehr auf unsere gemeinsame Zeit auf Sabir mit dem Wissen, dass etwas besonderes auf uns wartet – wofür wir sehr dankbar sind.

2 Antworten auf „Zuhause“

  1. Hallihallo
    seid ihr unterwegs, bei diesen Corona-Verhältnissen.
    Ich saß in Brasilien fest und konnte gestern zurückfliegen.
    Grüße und Aloaheh
    Doc Andreas

    1. Hallo Doc Andreas,
      wir haben uns ja zwischenzeitlich gesehen.
      Wir kommen jetzt erst dazu unseren Blog auf Vordermann zu bringen und Deinen Kommentar zu veröffentlichen.
      Wir sind seit Donnerstag e n d l i c h auf Porto Santo auf unserer Sabir.
      Melhores cumprimentos aus dem „Paradies“
      Claudia & Peter

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