Tag 2: M/Y Bob Barker

Kurz vor Ende meiner Wache um 18:00 Uhr mache ich noch einmal den routinemäßigen Blick auf das AIS und kann kaum glauben, was ich dort sehe. Auf dem Bildschirm ist ein Schiff zu sehen, das vor uns unterwegs ist. Der Name des Schiffes ist „M/Y Bob Barker“.

Sofort glaube ich zu wissen, welche „Bob Barker“ dort unseren Weg kreuzt. Ich bin völlig aus dem Häuschen: Sollte es wirklich möglich sein, dass wir so weit draußen auf dem Atlantik ausgerechnet auf das Sea Shepherd Schiff „Bob Barker“ treffen?

Noch ist es viel zu weit entfernt, um das Schiff mit dem Fernglas erkennen und identifizieren zu können.

Ich beobachte die Sache noch eine ganze Weile. Irgendwann wird deutlich, dass sie viel zu weit vor uns unseren Kurs kreuzen wird, so dass wir sie nur klein am Horizont sehen werden. Das kann nicht sein – nein: Das soll nicht sein!

Ich setze mich ans Funkgerät und probiere es einfach:

„Motor Vessel Bob Barker, Motor Vessel Bob Barker, this is Sailing Vessel Sabir!“

Kurze Pause – und dann kommt zurück:

„Sabir: This is Bob Barker.“

„Bob Barker: Are you Sea Shepherd’s Bob Barker?“

„Affirmative!“

Claudia und Christoph stehen neben mir am Kartentisch und wir freuen uns wie verrückt, dass es sich tatsächlich um das Sea Shepherd-Schiff handelt.

„Bob Barker: May I ask you to pass us more closely? We would be really happy, if we could take some pictures of you.“
(Bob Barker: Darf ich Sie bitten, etwas näher an uns vorbeizufahren? Wir würden uns sehr freuen, wenn wir ein paar Fotos von Ihnen machen könnten)

Wieder eine Pause. Der Kapitän der Bob Barker antwortet uns schließlich, dass er einen engen Zeitplan habe und zu einem festgesetzten Termin in Lissabon erwartet würde. Wir waren schon fast enttäuscht, da meint er noch „… aber wenn Ihr Euren Kurs ein wenig nach Steuerbord ändert, ändern wir unseren Kurs ein wenig in Eure Richtung …“

Wir ändern unseren Kurs also nach Steuerbord und sehen auf dem AIS, dass auch die Bob Barker ihren Kurs zu uns ändert.

„Sabir: This is Bob Barker, we will change course and pass you closely to say ‚hello‘!“
(Sabir: Hier ist die Bob Barker, wir werden unseren Kurs ändern und dicht an Euch vorbeifahren um Hallo zu sagen!“

Nun sind wir vollends aus dem Häuschen. Ich schicke Claudia nach hinten in unsere „Wurfkammer“ (die Achterkajüte mit den Vorräten) und bitte sie die schwarze Baumwolltasche mit dem Sea Shepherd Aufdruck und Sicherheitsnadeln zu holen. Die Tasche setzen wir wie eine Flagge unter der Backbord-Saling unter unserem Trans-Ocean-Club-Stander. Wir holen unsere Handies und unseren kleinen Fotoapparat und postieren uns an Backbord.

Dann ist sie da. Bob Barker passiert uns in kurzer Entfernung. Normalerweise wären wir ja eher froh, wenn die großen Jungs auch einen großen Bogen um uns machen, hier sind wir überglücklich, dass der Sea Shepherd-Kapitän das nicht tut.

Auf dem Vorschiff der Bob Barker ist ein Teil der Crew angetreten und winkt zu uns rüber. Das Signalhorn der Bob Barker ertönt mehrmals lang und wir winken ebenfalls und blasen zur Antwort in unser Signalhorn.

Nachdem wir aneinander vorbeigefahren sind und die Bob Barker schon hinter uns verschwindet, meldet sich der Kapitän der Bob Barker noch einmal und bedankt sich bei uns für das Zusammentreffen. Wir seien die erste Segelyacht, die sie seit vier Monaten getroffen haben und sie haben sich sehr gefreut uns zu sehen. Er hat sich nach unserem Ziel erkundigt und uns noch eine gute Reise gewünscht.

Auch ich bedanke mich bei ihm. Wir rechnen ihm hoch an, dass er seinen Kurs geändert hat und tatsächlich einen Umweg in Kauf genommen hat, um so dicht an uns vorbeifahren zu können. Ich wünsche ihm eine gute Fahrt nach Lissabon und bedanke mich für die Arbeit zum Schutz unserer Meere.

Wir sind noch eine lange Weile sehr aufgeregt und sehr begeistert über die unverhoffte Begegnung.

Über das Satellitentelefon werden wir Nadja und Stefan am nächsten Tag (Mittwoch, 29.09.2021, 11:27 MESZ) folgendes schreiben:

Hallo Zusammen, wir hatten gestern wieder einen ziemlich schönen Segeltag. Abgeschlossen wurde er von der Begegnung mit dem Sea Shepherd Schiff Bob Barker. Der Kapitän ist unserer Bitte per Funk nachgekommen und hat seinen Kurs geändert. Mit großem ‚Hallo‘ sind wir aneinander vorbeigefahren und haben Fotos gemacht. Auf die Nacht hat der Wind aufgefrischt. Viele Grüße von N34 58.626 W12 20.261 Peter.

Stefan wird uns später diesen Screenshot schicken, den er von unserem Zusammentreffen auf einer Website zur Verfolgung von AIS-Signalen gemacht hat.

Auf dem Bild sieht man den ungefähren Punkt an dem wir uns getroffen haben. Die dicke blaue Linie zwischen dem gelben und dem roten Punkt ist der ungefähre Kurs von Sabir zwischen unserer Positionsmeldung vom 27.09.2021 um 22:55 Uhr und der Meldung vom Mittwoch, 29.09.2021, 10:27 unserer Zeit. Die dünne blaue Linie in Richtung Nord-Nordost ist der Kurs der Bob Barker Es sieht so aus, als sähe man auf dem Bild, dass sie nicht den direkten Weg fährt, sondern kurzzeitig parallel zu uns unterwegs ist.

Die Bob Barker war im Sommer 2021 mehrere Monate vor der Küste Westafrikas im Einsatz um den Staaten dort bei der Bekämpfung von illegaler und nicht dokumentierter Fischerei in deren Hoheitsgewässern zu unterstützen.

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